Abschied aus der Quarantäne Liga

Heute spielte unser Team nach spannenden und ereignisreichen vier Monaten zum (vorerst) letzten Mal in der Quarantäne-Liga.

Wie hatte alles angefangen?

Am 20.03.2020 mussten wir zu Beginn der Osterferien unser Schachtraining im Vereinshaus Hornau wegen der damals verordneten Kontaktsperre einstellen.

Martin hatte die Idee, unser Vereins-Leben auf die kosten- und werbefreie Online Schachplattform Lichess zu verlagern. Unsere monatlichen Blitzturniere sowie das sommerliche „Vielseitigkeitsturnier“ konnten wir damit problemlos fortführen.

Zusätzlich nahmen wir Martins Anregung auf und starteten als Team in der vom Herausgeber der Schachzeitschrift „Rochade“ FM Jens Hirneise initiierten „Quarantäne-Liga“. Anstatt Trübsal zu blasen, gingen wir also kampfeslustig an die virtuellen Bretter und kämpften unter dem olympischen Motto „Dabei sein ist alles“ mit wechselndem Erfolg gegen Gegner aus aller Welt.

Wir begannen am 19.04.2020 in der untersten Klasse, der 7. Liga. In der Zwischenzeit kamen immer mehr Mannschaften hinzu. Jetzt besteht die Quarantäne-Liga aus 12 Klassen zu je 3 Staffeln mit jeweils 10 Teams. Das heißt, jeden Donnerstag und Sonntag gehen etwa 360 Mannschaften an die virtuellen Bretter, um abwechselnd im Blitzmodus von 3+0, 5+0 und 3+2 zwei Stunden lang im Arena-Modus zu spielen. Arena-Modus bedeutet, dass man, sobald eine Partie beendet ist, einen neuen Gegner erhält, aber niemals gegen ein Mitglied des eigenen Teams spielt. Jede Mannschaft kann unbegrenzt viele Spieler ins Rennen schicken, in die Wertung kommen jedoch nur die 5-8 Besten, abhängig von der jeweiligen Liga.

Wir pendelten im Folgenden zwischen der 7. und 11. Liga hin und her. Das Ergebnis war jeweils abhängig von der Zusammensetzung unseres Teams und der Stärke unserer Gegner. Wir trafen auf sehr interessante Teams:

  • Ganz „normale“ Vereine wie Kelkheim
  • Starke Bundesligaklubs wie Bayern München, Deizisau, Hamburg, Berlin usw.
  • Teams aus Russland, Kasachstan, Spanien, Türkei, Argentinien, Iran, Sri Lanka u.a.
  • Internationale Spielgemeinschaften, die sich in den sozialen Medien formiert haben.

Das hatte den Effekt, dass wir mit den verschiedensten Temperamenten, Spielweisen und Ideen konfrontiert wurden. Obwohl Schach ein Individualsport ist, entwickelte sich ein Teamgeist und wir teilten die Freude über einen Aufstieg ebenso wie die Enttäuschung über einen Abstieg.

Über Sinn und Unsinn des Online-Spiels gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen.

Schachästheten rümpfen die Nase und bewerten das schnelle Online-Spiel als sehr oberflächlich. Es ist tatsächlich so, dass keine Zeit vorhanden ist, tiefgründige strategische Ideen zu entwickeln. Taktik steht ganz eindeutig im Vordergrund. Viele Partien werden durch grobe Patzer entschieden. Das muss man eben in Kauf nehmen.

Der Nutzen des Spiels auf Lichess (bzw. auch auf anderen Schachservern) kommt erst richtig zum Tragen, wenn man seine Partien, die ja aufgezeichnet werden, nachträglich mit Computerunterstützung analysiert und sich die taktischen Motive, die man übersehen hat einprägt, damit man sie jederzeit abrufen kann. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Satz aus dem Film über Magnus Carlsen ein: „Wo für andere nur Chaos herrscht, erkennt der Weltmeister die Muster“.

Das ist auf alle Fälle eine Fähigkeit, die nicht nur beim Schach, sondern auch im realen Leben von Nutzen ist.

Für mich gibt es in der Gegenüberstellung von Plus und Minus ein klares Übergewicht des Positiven.

Dies wird dadurch bestätigt, dass im monatlichen Blitz- und im Sommerturnier ganz deutlich die Spieler die Nase vorn hatten, die häufig online gespielt haben.

Mit dem Ende der Sommerferien erhalten Beruf, Studium und Schule wieder eine höhere Priorität, so dass wir uns entschlossen haben, unsere Vereinsmannschaft aus der Quarantäne-Liga zurück zu ziehen. Jedes Vereinsmitglied, das Freude an den kräftezehrenden Wettkämpfen besitzt, kann jederzeit das Team der Main-Taunus-Sportvereinigung (https://lichess.org/team/main-taunus-schachvereinigung) verstärken.